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Eine der «goldenen Regeln» beim Anlegen lautet, nicht alles auf eine Karte zu setzen und die Risiken stattdessen möglich breit zu streuen. Doch was, wenn die Aktienkurse, die Edelmetallpreise und die Anleihenkurse – wie in den vergangenen Tagen – allesamt gleichzeitig fallen?
Goldman Sachs berichtet sogar von den üppigsten Aktienverkäufen seit Beginn der bankeigenen Erhebungen im Jahr 2022. Erhebungen der amerikanischen Investmentbank zufolge haben Grossinvestoren alleine gestern Donnerstag unter dem Strich Aktien im Umfang von fast 10 Milliarden Dollar auf den Markt geworfen. Das ist allerhand.
Die Gesetzmässigkeiten an den Finanzmärkten, wie wir sie kennen, scheinen jedenfalls ausser Kraft gesetzt. Zumindest vorübergehend. Zugegeben: Auf die alte Faustregel, wonach die Anleihenkurse steigen, wenn die Aktienkurse fallen und umgekehrt, ist schon eine ganze Weile kein Verlass mehr. Zu sehr hängen die Aktienmärkte nach Jahren der ultralockeren Geldpolitik am Tropf des «billigen Geldes». Vorbei sind die Zeiten, in denen die Grossinvestoren je nach Wirtschaftsumfeld aus Aktien in Anleihen umschichteten und irgendwann wieder zurück. Vielmehr bewegen sich die Aktienkurse im Gleichschritt mit den Anleihenkursen.
Und wenn das Geschehen an den Finanzmärkten wie zuletzt von Stagflationsängsten geprägt ist, ist es nicht eben ungewöhnlich, dass die Aktien- und die Anleihenkurse unisono nachgeben. Die Gleichung ist nämlich denkbar einfach: Geht ein Teuerungsschub mit einem konjunkturellen Abschwung einher, bleibt das für gewöhnlich nicht ohne Folgen für die Unternehmensgewinne. Gleichzeitig sind die Notenbanken durch den Teuerungsschub in ihrem Handlungsspielraum eingeschränkt.
Eigentlich sollten dann wenigstens die Edelmetalle glänzen. Doch das tun sie nicht. Vielmehr gerieten auch die Preise für Gold und Silber unter Druck. Ähnliches liesse sich über Bitcoin, Ethereum und andere Kryptowährungen sagen. Dass mir dabei von aggressiven Verkäufen aus dem Nahen Osten berichtet wird, überrascht mich nicht. Da hat jemand anscheinend grösseren Mittelbedarf. Ich könnte mir gut vorstellen, dass auch ein guter Teil der Aktien- und Anleihenverkäufe von Marktakteuren aus dieser Weltregion stammen.
Auch Gold und Silber gerieten in den letzten Tagen in den Abwärtsstrudel (Quelle: www.cash.ch)
Vermutlich warf an den Finanzmärkten in den vergangenen Tagen zudem der erste grosse Derivat-Verfall des noch jungen Börsenjahres 2026 seinen Schatten voraus. Normalerweise erweist sich der Verfallstag als trendverstärkend. Was aber ist momentan schon «normal» an den Finanzmärkten...? So bleibt uns nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass sich der viele Staub, aufgewirbelt durch den Konflikt im Nahen Osten, wieder legt.
Für gewöhnlich besinnt man sich in Börsenschwächen wie der jetzigen ja zurück auf die defensiven Qualitäten des Schweizer Aktienmarktes und insbesondere auf jene des Schwergewichts Nestlé. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Alleine am Mittwoch ging es für die Aktien des Nahrungsmittelmultis aus Vevey um fast vier Prozent nach unten.
Dass auch die Valoren von Branchennachbarn wie Lindt&Sprüngli oder Barry Callebaut unter die Räder gerieten, lässt erahnen, dass die Kursschwäche keine firmenspezifischen Gründe hat. Vielmehr dürfte sie Plänen des Erzrivalen Unilever geschuldet sein, sich des Lebensmittelgeschäfts entledigen zu wollen. Der britische Konsumgüterkonzern verhandelt mit dem US-Konkurrenten McCormick & Company über den Verkauf seiner Lebensmittelsparte.
Die Pläne lassen sich – wenn man denn will – gleich in zweifacher Weise negativ für Nestlé auslegen. Zum einen scheint man die Zukunftsaussichten der ähnlich gelagerten Geschäftsaktivitäten am Hauptsitz von Unilever längerfristig als unattraktiv einzuschätzen. Andererseits brachte man auch Nestlé als Interessent für das Unilever-Geschäft in Verbindung, auch falls Deal mit McCormick scheitern sollte.
Ich selber kann mir allerdings nicht vorstellen, dass sich Nestlé-Chef Philipp Navratil zu einem solchen Abenteuer, geschweige denn zu einem kostspieligen Bieterstreit, hinreissen lässt. Bei Unilever steuerte das Geschäft mit Nahrungsmittel zuletzt immerhin noch jeden vierten Euro zum Gruppenumsatz bei. Wir sprechen also von jährlich knapp 13 Milliarden Euro. Eine solche Grossübernahme liesse sich für die Westschweizer wohl nicht ohne die Ausgabe neuer Aktien stemmen. Lange Rede, kurzer Sinn: Für mich sind diese Ängste nichts weiter als ein Sturm im Wasserglas.
Kommen wir an dieser Stelle auf Julius Bär zu sprechen. Das Lohnpaket des neuen Firmenchefs Stefan Bollinger warf diese Woche nämlich hohe Wellen. 24 Millionen Franken erhält der 52-Jährige für das Geschäftsjahr 2025 vergütet. Das sind etliche Millionen mehr als der oft und gerne gerügte UBS-Grande Sergio Ermotti im vergangenen Jahr verdiente. Seine knapp 15 Millionen Franken kommen da schon beinahe bescheiden daher.
Und selbst wenn man die knapp 15 Millionen Franken, welche Bollinger als Entschädigung für entgangene Zahlungen bei seinem früheren Arbeitgeber Goldman Sachs in Abzug bringt, liesse sich auch dann noch von so etwas wie einer «Gage» sprechen, die der neue Firmenchef da bezieht.
Zum Vergleich: Während die UBS für 2025 einen Gewinn vor Steuern in Höhe von umgerechnet gut 9 Milliarden Franken ausweist und rund 5500 Milliarden Franken an Kundenvermögen verwaltet, bringt Julius Bär gerade einmal einen Vorsteuergewinn von 938 Millionen Franken und Kundenvermögen in Höhe von 521 Milliarden Franken auf die Waage. Die eine Bank beschäftigt gut 7000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die andere mehr als 100'000.
Zugegeben: Das letztjährige Ergebnis der Traditionsbank aus dem Herzen Zürichs strotzt nur so vor operativen Fortschritten und trägt zweifelsohne die persönliche Handschrift Bollingers. Den Beweis, seinen jetzigen Arbeitgeber wieder auf Wachstum zu trimmen, bleibt er vorerst jedoch schuldig.
Wie aus einer Offenlegungsmeldung an die SIX Swiss Exchange hervorgeht, hat sich mit Massachusetts Financial ein langjähriger Julius-Bär-Grossaktionär zuletzt von Aktien getrennt. Als Verkäufer zu erkennen geben mussten sich die Amerikaner nur deshalb, weil ihr Stimmenanteil im Zuge dessen unter die meldepflichtige Drei-Prozent-Schwelle gefallen ist. In der Spitze hielt der bekannte Vermögensverwalter einst sogar fast fünf Prozent an der Zürcher Bank.
Was den Vermögensverwalter zur Beteiligungsreduktion bewog, ist nicht bekannt. Am üppigen Vergütungspaket für den neuen Firmenchef dürfte es jedenfalls nicht gelegen haben. Vermutlich werden die Aktien von Julius Bär momentan in einen Topf mit jenen der UBS oder der Partners Group geworfen, ist die Angst vor grösseren Finanzmarktturbulenzen doch allgegenwärtig. Ob zurecht oder nicht wird sich zeigen müssen.
Ausgerechnet jetzt wartet die amerikanische Notenbank mit einem Vorschlag auf, die Eigenmittelanforderungen für die dortige Bankenindustrie zu lockern. Gestern Donnerstag sickerten erstmals Details an die Presse durch. So sieht der Vorschlag vor, die Eigenmittelanforderungen für die grössten Banken um durchschnittlich fünf Prozent zu senken. Kleinere Banken könnten sogar um bis zu acht Prozent entlastet werden. Es gibt für solche Vorstösse immer einen richtigen und einen falschen Moment...
Dass Firmenchefs die Kursentwicklung der eigenen Aktie kommentieren, kommt eher selten vor. Und falls doch, ist ihnen ein Rüffel aus der Rechtsabteilung so gut wie sicher. Kaum jemand, der sich bei diesem heiklen Thema zu weit auf die Äste hinauswagt. Mit Marc Bürki von Swissquote und Christoph Tonini von der Swiss Marketplace Group liessen sich diese Woche gleich zwei Firmenchefs zu Aussagen hinreissen.
Klare Worte fand der Swissquote-Chef. Der Aktienkurs dürfte sich erholen und jetzt sei ein guter Einstiegspunkt, liess er die Teilnehmer einer Telefonkonferenz wissen. Sein Pendant bei der Swiss Marketplace Group zeigte sich tags zuvor enttäuscht über die Kursentwicklung seit dem Börsengang. Er sieht den Grund hierfür allerdings nicht beim Unternehmen selbst und verweist auf die Schwäche bei anderen europäischen Branchennachbarn wie etwa der deutschen Scout24.
Den IPO-Anlegern der Swiss Marketplace Group bietet sich ein ernüchterndes Bild (Quelle: www.cash.ch)
Und was machte die Börse? Sie quittierte diese Aussage umgehend mit neuen Tiefstkursen. Gestern Donnerstag kosteten die Aktien der Swiss Marketplace Group zeitweise keine 27 Franken mehr. Wer im vergangenen September im Rahmen des Börsengangs Titel zu 46 Franken je Stück zugeteilt erhielt, dem dürften beim Blick auf die aktuellen Kurse Tränen der Verzweiflung in die Augen schiessen.
Selbst die Nachricht, wonach der Ankeraktionär TX Group wacker Aktien zugekauft habe, wusste die Kurslawine der letzten Tage nicht aufzuhalten. Zur Erinnerung: Während sich andere Aktionäre wie Ringier, die Mobiliar oder General Atlantic im Zuge des Börsengangs von Titelbeständen trennten, hielt die TX Group eisern an ihrem Paket fest.
Unangenehme Fragen müssen sich die mit der Publikumsöffnung betrauten Banken gefallen lassen. Als mit UBS, Goldman Sachs und J.P. Morgan die drei Hauptverantwortlichen des Börsengangs wenige Wochen nach dem Debüt mit Erstabdeckungen für die Aktien aufwarteten, begegnete ich diesen mit folgenden Worten:
...und weiter...
Gerade wenn es nach der UBS geht, dann müssten die Valoren der Swiss Marketplace Group bei Kursen von zuletzt weniger als 27 Franken eigentlich erst recht «ein blinder Kauf» sein. Der für die UBS tätige Analyst Jo Barnet-Lamb preist die Aktien selbst jetzt noch mit einem Zwölf-Monats-Kursziel von 51,90 (zuvor 57,50) Franken an.
An dieser Stelle noch kurz ein paar Worte zum Infrastruktur-Paket bei unserem nördlichen Nachbarn Deutschland. Am 14. Mai 2025 schrieb ich zum Thema:
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich instinktiv richtig liegen würde. Wie das renommierte ifo Institut herausgefunden haben will, flossen in Deutschland 2025 gerade einmal 5 Prozent der neu gemachten Schulden in die Infrastruktur. Sprich: Nicht weniger als 95 Prozent der Gelder wurden zweckentfremdet. Das grenzt an Raubbau an künftigen Generationen.
Dieser ernüchternde Befund rückt das Ergebnis der letzten Anleiheemission der Bundesregierung in Berlin in ein ganz neues Licht. Am vorderen Mittwoch wurden neue zehnjährige Staatsanleihen im Umfang von 5 Milliarden Euro zur Zeichnung aufgelegt. Wie mir damals zeitnah berichtet wurde, gingen an diesem Tag allerdings bloss für 4,5 Milliarden Euro Zeichnungen ein. Letztendlich wurden sogar nur Anleihen im Umfang von 3,8 Milliarden Euro bei Investoren platziert – und das erst noch mit einer Rendite von 2,89 Prozent auf Verfall. Bei der vorangegangenen Platzierung im Februar betrug die Rendite auf Verfall noch 2,73 Prozent.
Vielleicht gibt es nächsten Freitag in diesem Zusammenhang ja von weiteren Neuigkeiten zu berichten, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.
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