Der demografische Wandel in der Schweiz und weiteren Industrienationen ist nicht mehr wegzudiskutieren. Das Problem - vereinfacht gesagt: Die Bevölkerung wird älter, es kommt wenig Nachwuchs hinterher. Es spielen aber auch Faktoren wie Lebensstil, Bildung, oder Familienkonstellationen mit. Der Wohlstand, der ausgeprägte Individualismus und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung sorgen zunehmend für einen selteneren Kinderwunsch. 

Laut dem Bundesamt für Statistik ist die Geburtenrate in der Schweiz auf 1,29 Kinder pro Frau gesunken. Ausserdem wollen rund 17 Prozent der Menschen in der Schweiz kinderlos bleiben. Somit überrascht es nicht, dass der Geburtenüberschuss, das heisst die Differenz zwischen Geburten und Todesfällen, sich mittlerweile auf plus 6300 Personen beläuft. Der tiefste Wert seit über 100 Jahren laut BFS. 

«Asset-Meltdowns» und anderes Anlageverhalten

Solche demografischen Veränderungen wirken sich zwangsläufig auch auf die Aktienmärkte aus. Die Anzahl der Investierenden, die Anlageklassen, und das Risikoprofil verändern sich.

Wirtschaftswissenschaftler, Manuel Buchmann erklärt: «Im jungen Alter spart und investiert man und im Alter entspart man. Wenn wir zunehmend mehr alte Menschen haben, gibt es somit mehr Anleger, die ihre Aktien verkaufen. Direkt oder über Pensionskassen, welche ihr investiertes Kapital über Pensionen auszahlen.» Daher rührt die Angst vor einem sogenannten «asset meltdown», wenn die Babyboomer-Generation ihre Anlagen innerhalb weniger Jahre gleichzeitig verkauft. 

«Mittlerweile ist die Hypothese aus den 80er Jahren recht umstritten, weil es verhaltenspsychologisch neue Anhaltspunkte gibt», beruhigt Buchmann. Babyboomer beginnen nicht zwingend beim Renteneintritt mit Entsparen, die Sparquote sei auch im Rentenalter in verschiedenen Ländern weiterhin positiv. Ausserdem hätte sich die These bereits bewahrheiten müssen – hat sie aber nicht. Der Finanzdemograf erachtet eher langfristig tiefere Renditen bei Aktien im Durchschnitt als realistisch.

Dennoch bestätigt er, dass mit dem demografischen Wandel eine Umlagerung stattfindet. «Beobachtungen zeigen, dass die Risikofreude mit dem Alter sinkt, aus dem einfachen Grund, dass der Anlagehorizont kürzer wird», so der Experte. Die Literatur zeige zudem, dass Erfahrung im Investieren eine wichtige Rolle spiele. «Je länger man am Aktienmarkt investiert war, desto mehr Tiefs hat man erlebt und wird somit vorsichtiger. Das ist oft wichtiger als das Alter – was aber natürlich oftmals nahe beieinanderliegt.»

Medizin und Dividenden

So werden etwa Dividendenaktien als grosse Profiteure des Wandels gesehen, da Rentner diese aufgrund der zuverlässigen Ausschüttung vor anderen Titeln bevorzugen. «Ältere haben grösseres Interesse an dividendenzahlenden Aktien, da so der tiefere Einkommensstrom durch Kapitaleinkommen ersetzt wird», sagt Buchmann. 

Theoretisch wären Wachstumsaktien eine weitere Geldquelle, die sogar attraktiv wären, alleine aus steuerlichen Gründen, wie der Wissenschaftler sagt. Allerdings sei es für Menschen psychologisch schwieriger, etwas zu verkaufen, in das sie investiert haben, als regelmässig eine Ausschüttung einzukassieren.

Zu den zuverlässigsten Dividendenzahlern der Schweiz gehören etwa Telekomunternehmen wie die Swisscom oder Sunrise. Auch die Versicherer Zurich, Swiss Re, oder Swiss Life locken mit Dividendenrenditen von teilweise bis zu 7 Prozent. Weitere Lieblinge am Dividendenhimmel sind Mobilezone, Partners Group, Geberit oder Burkhalter.

Auch werden mit einem grösseren Bevölkerungsanteil älterer Menschen andere Güter und Produkte gefragter. Grundsätzlich profitieren Sektoren, welche Dienstleistungen und Produkte herstellen mit dem Zweck, die körperliche und mentale Lebensqualität bis ins hohe Alter bestmöglich wiederherzustellen oder zu erhalten. Am offensichtlichsten sind die Pharmaunternehmen und damit Roche und Novartis als Medikamentenhersteller. Ebenso gehört Lonza zur Sparte, da sie mit Generika-Lösungen zu einer Senkung der Gesundheitskosten beitragen kann.

In eine ähnliche Richtung gehen Medtech-Titel. Hier hebt Buchmann insbesondere die Unternehmen Sonova, Alcon, und Straumann hervor. Sie haben im Pilotprojekt eines «Demographic Risk Indicators» vor zwei Jahren als Gewinner abgeschnitten, noch vor den Schwergewichten aus Basel. Dieser Indikator quantifiziert die demografisch bedingte Nachfrageverschiebung in den Absatzmärkten verschiedener börsenkotierter Unternehmen. So dürften die Hör-, Seh- oder Zahnprobleme nicht nur aufs Alter zunehmen, sondern auch die Kunden, welche diese Produkte in Anspruch nehmen.

Konsum und Finanzen

Ebenfalls müssen sich Konsumunternehmen zunehmend mit Veränderungen in der Gesellschaft befassen. Wie die ZKB in ihrer Longevity-Studie aufzeigt, nimmt das durchschnittliche Einkommen im Alter tendenziell ab. Die Ausgaben verschieben sich auf essenzielle Produkte und Dienstleistungen, wie gesunde Lebensmittel und Getränke. Ebenso hilft eine ausgewogene Ernährung der immer wichtiger werdenden Gesundheitsprävention. Also Massnahmen und Verhaltensweisen, die darauf abzielen, Krankheiten zu verhindern oder deren Auftreten zu verzögern.

Als klaren Gewinner in diesem Bereich nennt Manuel Buchmann Nestlé. Besonders die globale Diversifikation und die Tätigkeit in Märkten mit hohem Bevölkerungswachstum sprechen für den Nahrungsmittelmulti. Der Konzern aus Vevey erreichte ebenfalls einen guten Wert im Nachfrageverschiebungstest.

Ferner neigen ältere, kaufkräftigere Verbraucher gemäss ZKB-Analyse dazu, ihre Ausgaben für Produkte, die das tägliche Leben erleichtern, zu erhöhen. Dies umfasst auch elektrische Instrumente und Kommunikationsgeräte. Die Schweizer Vertretung in diesem Bereich wäre Logitech, als Hardware- und Peripheriegerätehersteller.

In einer alternden Bevölkerung gewinnt auch die finanzielle Versorgung an Bedeutung. Gerade mit längerer Pension muss die finanzielle Lage gut abgesichert sein. Frühzeitiges Ansparen ist daher wichtig, betont die ZKB. Hier kommen Finanzdienstleister wie Versicherer, Vermögensverwalter und Asset-Manager ins Spiel, die Versicherungs- und Anlagevorschläge ausarbeiten, Beratungen anbieten und Anlageprodukte entwickeln. Beispiele aus dieser Industrie sind die UBS, Partners Group, Kantonalbanken oder die zuvor erwähnten Versicherer.

Bisher erschienen in der cash-Serie Finanzdemografie:

Aisha Gutknecht arbeitet seit Juli 2024 als Redaktorin für cash.ch.
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