Die europäischen Börsen beendeten das erste Halbjahr 2026 mit überraschender Stärke. Der Stoxx 600 avancierte um 8,2 Prozent auf 641,74 Zähler, während der Euro Stoxx 50 - er umfasst die 50 grössten börsennotierten Unternehmen aus der Währungsunion – mit einem Plus von 9,3 Prozent auf 6343,50 Punkte zulegte. Beide Indizes erreichten damit Allzeithöchststände.
Noch wenige Monate zuvor schien ein solches Szenario unvorstellbar: Die USA hatten den Iran angegriffen, woraufhin dieser die für die globale Schifffahrt lebenswichtige Strasse von Hormus sperrte. Die Ölpreise schossen in der Folge von unter 60 Dollar pro Fass auf bis zu 108 Dollar in die Höhe. Besonders in Europa, das im Gegensatz zu den USA stark von Energieimporten abhängig ist, breitete sich die Sorge vor Öl-, Kerosin- und schliesslich Produktionsengpässen aus. Zudem wurde mit einem deutlichen Anstieg der Inflation gerechnet. Die europäischen Aktienmärkte, die auf beide Faktoren besonders sensibel reagieren, brachen entsprechend ein.
Obwohl bis heute noch keine Rede von einer Öffnung der Meerenge sein kann, haben die Weltmärkte das Thema und die damit verbundene negative Stimmung mit erstaunlicher Leichtigkeit hinter sich gelassen. Einer der Gründe dafür könnte die positive Dynamik bei den Halbleiterproduzenten sein. Aufgrund der enormen Nachfrage nach Chips sind deren Ergebnisse - und damit auch die Aktienkurse - förmlich explodiert.
Gewinner: Halbleiterproduzenten und Energieunternehmen
Infineon verzeichnete die beste Performance im Euro Stoxx 50: Die Aktien des Chip-Herstellers stiegen seit Jahresbeginn um über 116 Prozent. Auch die Papiere des niederländischen Branchenkollegen ASML legten stark zu - mit einem Anstieg von fast 87 Prozent.
Die Infineon-Aktie setzte erst im April 2026 zu ihrem Aufschwung an, nachdem sie jahrelang seitwärts zwischen 24 und 38 Euro gehandelt worden war. Innerhalb weniger Wochen kletterte der Kurs auf bis zu 88 Euro. Der KI-Boom dürfte denn auch bei Infineon zu stärkeren Ergebnissen führen: Das Management erhöhte Anfang Mai die Prognosen: «Ein breiterer Aufschwung vieler Endmärkte ist in Sicht», so Konzernchef Jochen Hanebeck.
Die Aktien von ASML, dem grössten europäischen Halbleiterproduzenten, steigen indes schon seit Juli 2025 stark an - und haben sich seither fast verdreifacht. Mit einer Gewichtung von fast 13 Prozent im Euro Stoxx 50 war ASML ein zentraler Treiber für die Kursgewinne des Index. Überraschend: Trotz des Anstiegs ist die Aktie so günstig bewertet wie seit Jahren nicht mehr: Das Verhältnis des erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnisses (Forward-KGV) zu dem der wichtigsten Wettbewerber liegt auf dem tiefsten Stand seit über einem Jahrzehnt.

Kursentwicklung der Euro-Stoxx-50-Titel im ersten Halbjahr 2026.
Auch Energieunternehmen schnitten stark ab: Siemens Energy notiert 38 Prozent im Plus, der italienische Öl- und Gaskonzern Eni stieg um fast 28 Prozent, und TotalEnergies aus Frankreich gewann über 22 Prozent an Wert. Die Energiefirmen zählten zu den grössten Profiteuren der Schliessung der Strasse von Hormus. Ob die Kursanstiege angesichts der zwischenzeitlich wieder sinkenden Ölpreise Beständigkeit aufweisen, bleibt abzuwarten.
Verlierer: Deutsche Autobauer, Luxusgüter und eine Überraschung
Zu den ganz grossen Verlierern im ersten Halbjahr 2026 zählten die deutschen Automobilkonzerne. BMW sackten knapp 39 Prozent ab, Volkswagen büsste etwas über ein Drittel ein und Mercedes verzeichnete ein Minus von 27 Prozent.
Die Krise in der Autobranche hat nun alle eingeholt: BMW senkte die Gewinnprognosen deutlich, Volkswagen steht vor einer Sanierung. Experten erwarten zudem eine Verschärfung des Wettbewerbsdrucks: Chinesische Autobauer könnten noch stärker auf den europäischen Markt drängen, um die Auslastung ihrer Werke zu sichern.
Ebenfalls stark an Wert eingebüsst haben das niederländische Fintech Adyen sowie der weltweit grösste Brillenkonzern EssilorLuxottica, die jeweils rund 40 Prozent verloren. Bei Adyen war eine gesenkte Umsatzprognose Mitte Februar der Hauptgrund für den Kursrutsch. Bei EssilorLuxottica ist die Luft raus, nachdem der anfängliche Hype um Smart-Glasses verflogen ist. Laut UBS misst der Markt diesem Geschäftsbereich aktuell keinen Wert mehr bei.
Auch LVMH gehört zu den zehn schwächsten europäischen Aktien. Die anhaltende Schwäche im Luxusgütermarkt macht sich zunehmend beim Branchenprimus bemerkbar - die Aktien fallen um ein Viertel. Die Folge: Kurszielsenkungen auf ganzer Breite. Seit Mitte Juni haben 17 von 18 Analystinnen und Analysten ihre Schätzungen nach unten korrigiert. Auch die Ratings wurden mehrheitlich herabgestuft.
Die grösste Überraschung unter den Verlierern dürfte Rheinmetall sein. Mit einem Minus von gut 36 Prozent schliesst der Rüstungskonzern als viertschlechteste Aktie im ersten Halbjahr ab. Allein Ende Juni verlor der Titel aufgrund eines verlorenen Auftrags knapp 19 Prozent an Wert.
Die Marktreaktion und der Verkaufsdruck überraschen jedoch. Bis 2028 wird mit einer Verdopplung des Umsatzes gerechnet, und der Gewinn pro Aktie könnte noch stärker steigen, da Experten mit einer Ausweitung der Margen rechnen. Trotz der Rüstungsbemühungen der europäischen Länder notiert Rheinmetall zu einem KGV, das zuletzt vor zwei Jahren zu beobachten war - damals lagen die Kurse bei unter 500 Euro, also nur halb so hoch. Die ursprüngliche Euphorie rund ums Rüstungsgeschäft hat sich demnach in nur einem halben Jahr aufgelöst. Bietet dies nun Einstiegschancen? Das zweite Halbjahr dürfte die Antwort bereithalten.

